Aglianico: Wohl doch griechisch!

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Es gibt mittlerweile einige wenige Schriften, in denen der Aglianico als eine ursprünglich italienische Rebsorte beschrieben wird. In der aktuell gängigeren Fachliteratur wird diese Rebsorte jedoch als eine ursprünglich griechische beschrieben. Ich möchte erläutern, weshalb Letzteres nach wie vor deutlich wahrscheinlicher ist. Herr Vouillamoz sagte vor einigen Jahren, dass wir über die Herkunft des Aglianico nur spekulieren können, so wie es bei vielen alten Traubensorten der Fall ist. Er kommt zu dem Schluss, dass Aglianico wahrscheinlich eine alte Traube aus Süditalien ist. Das mag stimmen, ist aber ganz sicher kein Beweis dafür, dass die Sorte auch italienischen Ursprungs ist. Warum, das erkläre ich Ihnen gern:

Geschichte spielt ihre Rolle

Wir dürfen bei dieser Diskussion nicht vergessen, dass Süditalien lange Zeit ein Teil des antiken Griechenlands war, ganz genauso wie Sparta oder Athen. Die Römer waren Eindringlinge und bevölkerten das Gebiet erst wesentlich später. Nach dem Fall des Römischen Reiches besiedelten dann überwiegend Hellenen das Gebiet.

IMG_0470Auch sollte man sehr vorsichtig sein beim Lesen von wissenschaftlichen Skripten und nicht einfach Dinge verallgemeinern. Das Papier, auf das sich Herr Vouillamoz bezieht, basiert lediglich auf der Vermutung, dass Aglianico keine Verbindung zu griechischen Sorten hat und infolge dessen nicht griechisch sein kann. Das so zu schlussfolgern, ist schon im Kern falsch. Es ist eine Tatsache, dass wir gar nicht wissen, ob es eine bzw. keine Verbindung zwischen antiken, längst verschollenen Trauben gab. – Angesichts des Zeitraums, über den wir reden, nämlich 2.500 Jahre und mehr, gibt es meines Wissens nach keine bekannte Sorte, von der man eine Verbindung zu ihren Ahnen herstellen kann, die vor deutlich mehr als 2.500 Jahren existierte. Das gilt sogar für Trauben von abgelegenen Inseln wie Assyrtiko oder Robola. Warum also – um alles in der Welt – sollte das ausgerechnet beim Aglianico anders sein? Die Tatsache, dass Aglianico nicht mit den vielen bekannten griechischen Sorten zusammenhängt, erstreckt sich also gar nicht auf das gesamte Spektrum aller Sorten, die in dieser Region im heutigen Griechenland sowie in alten Zeiten kultiviert wurden, weil die meisten im Laufe von 25 und mehr Jahrhunderten einfach so verloren gingen. (Deshalb wählte Kitrvs auch den Namen ‘Lost Lost’.) Und selbst, wenn dies nicht der Fall sein würde, dann bliebe immer noch die Tatsache übrig, dass die Traube in einem alten griechischen Gebiet beheimatet war, denn wie schon beschrieben, das Gebiet war Teil des antiken Griechenlands.

Wir sollten außerdem den Namen beachten: Aglianico / Ellanico. Auch wenn es immer wieder vergeblich bestritten wird, ist er ein sehr konkreter Hinweis auf seinen Ursprung und die Originalität. Die ‚spanische Theorie‘ ist die merkwürdigste von allen Ideen. Sie will uns doch tatsächlich weismachen, dass diese Traube keine dauerhafte Bezeichnung hatte und es erst der Spanier bedurfte, ihr einen Namen zu geben, obwohl Aglianico in der Region bereits 2.000 Jahre lang existierte (wie alte Aufzeichnungen schlussfolgern lassen). Oder aber, dass die Traube einen Namen hatte, es aber den Spaniern während der nur sehr kurzen spanischen Besetzungszeit (im Verhältnis zu der sehr langen griechischen Periode), tatsächlich gelang, alle bisherigen Referenzen der Sorte für sich zu beanspruchen (was sie gar nicht taten, die Fakten wurden einfach “uminterpretiert”). Ich muss schon sagen, dass man sehr viel Fantasie braucht, um das zu glauben, denn es ist wohl doch etwas sehr weit hergeholt und hält einer kritischen Betrachtung auf keinen Fall stand. Aber selbst, wenn diese Fantasie der Wirklichkeit entspräche, bliebe nach wie vor die Schlussfolgerung, dass Aglianico eine antike griechische Varietät ist, die von griechischen Siedlern in Süditalien kultiviert wurde.

Über die Verwendung der Worte hellenisch und griechisch als Adjektiv zur Beschreibung griechischer Herkunft gibt es eine noch absurdere Diskussion. Das häufiger verwendete Adjektiv ‚griechisch‘ wurde im Laufe der Geschichte sehr oft schändlich verwendet, um den griechischen Ursprung zu beschreiben. Es wurde daher auch von den römischen Eroberern gern verwendet, um im griechischen Gebiet zu wüten und um dieses von der griechischstämmigen Bevölkerung zu säubern. Es ist also wahr, dass römische Autoren den Begriff ‘griechisch’ häufiger verwendeten. Jedoch ist es eine geradezu lausige, unwissenschaftliche Verallgemeinerung zu behaupten, dass im Umkehrschluss der Begriff „hellenisch“ nicht verwendet wurde, nur weil es einige Römer nicht taten, oder weil es, wie fälschlich behauptet wird, eine spätere Schöpfung in der Renaissance war. Es trifft nämlich auch zu, dass der Ausdruck „hellenisch“ bereits in der Antike eine gewisse religiöse Verachtung innehatte, weil er mit dem Polytheismus verbunden wurde. Die Bemühungen, den Befriff aus theologischen Gründen aus Referenzen zu tilgen oder möglichst nicht zu benutzen, war weit vor der Renaissance eine übliche Praxis (es empfiehlt sich die Arbeit von Gemistus Pletho aus den frühen 1410er Jahren und andere Quellen der byzantinischen Geschichte heranzuziehen). Es ist also wahr, dass Begriffe um den Hellenismus während und nach der Renaissance häufiger benutzt wurden, aber falsch ist definitiv auch, dass die Begriffe im Altertum gar keine Verwendung fanden. Wer jetzt mal schnell Nachweise über die Verwendung des Adjektivs ‚hellenisch‘ oder ‚hellenistisch’ lange vor der Renaissance braucht, sollte ganz einfach seine Bibel aufschlagen und im Markus Evangelium lesen, welches von Milliarden von Menschen im Laufe der Geschichte bereits gelesen wurde. Wozu also in die Ferne schweifen, wenn der Nachweis sich doch womöglich vor den Augen von vielen Menschen im Bücherregal befindet. Nur weil die römischen Autoren (und andere) das Adjektiv ‚griechisch‘ verwendet haben, um danach zu suggerieren, dass das Adjektiv ‚hellenisch‘ bis zur Renaissance nicht existierte, ist vollkommen absurd. So ist die Hypothese, dass Aglianico nicht aus dem Adjektiv ‘hellenisch’ abgeleitet werden kann, entweder frei erfunden oder mindestens eine schlecht recherchierte Theorie. Tatsache ist jedoch, dass das Adjektiv ‚hellenisch‘ schon lange vor dem Vorkommen des Namens Aglianico vorhanden war, selbst wenn Homer oder Plinius der Ältere beispielsweise das Handeln der Hellenen selbst nicht mit dem Adjektiv in Verbindung brachte, oder generell diese Art der Verwendung nur selten vorkam. Das Wort änderte sich im Laufe von mehr als 25 Jahrhunderten. Aber das Argument, dass ‘Hellenismus’ erst später kam ist hiermit vollkommen entkräftet, denn es gibt viele andere Erwähnungen des Adjektivs im Laufe der Geschichte.

An der ganzen künstlichen Argumentation kann man aber eines sehr deutlich erkennen: Diese neueren Ideen sind konstruiert und absurd. Sie haben wohl nur ein argwöhnisches Ziel, nämlich diese Traube den Italienern wieder zuzuschreiben und ihrer höchstwahrscheinlichen griechischen Kulturgeschichte zu berauben. Es gibt leider nur Gegentheorien, die auf höchst spekulativen Annahmen basieren, die jedoch die historischen Fakten links liegen lassen. Und wenn man ehrlich ist, ist es sehr unwahrscheinlich, dass Beweise (DNA oder andere) da sein werden, um für die Sorte einen möglicherweise längst ausgestorbenen Vorfahren zu finden, denn die ‚vitis vinifera‘ hat eine erstaunliche Verwandlungsfähigkeit.

Eines aber ist gewiss: Wegen der griechischen Besiedlung der Region Süditaliens ist es nach heutigem Wissensstand höchst wahrscheinlich, dass diese Rebsorte von den alten Hellenen in die heutige Heimatregion mitgebracht wurde, denn das Mitnehmen von Pflanzen war für Siedler jener Zeit nicht ungewöhnlich. Eine andere plausible Erklärung wäre, dass die Rebsorte von den Griechen in der heutigen Heimatregion entdeckt und kultiviert wurde. Es ist also eine Rebsorte mit antikem griechischen Ursprung – entweder aus dem heutigen oder aus dem antiken Griechenland (wie Herr Vouillamoz auch vorschlägt). So oder so wären die Griechen die Entdecker, die Kultivierer und Bewahrer der Rebsorte zu jener Zeit. Daran dürfte es jetzt gar keinen Zweifel mehr geben.

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Über den Autor

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Ralph Urban arbeitete nach seiner Fachhochschulreife in verschiedenen zentralen Marketing Positionen. Schließlich landete er bei der größten Reederei Deutschlands, wo er sich als Manager für den Bereich e-Business u. a. für den papierlosen Arbeitsablauf einsetzt. 2010 gründete er den Weinhandel Wine and Nature, das ausschließlich auf hochwertige, nachhaltige und / oder biologische Weine aus Griechenland setzt. Das Besondere: Ein sehr gutes Preis- Leistungsverhaltnis. Quasi als ein "Botschafter des griechischen Weins in Deutschland" setzt sich Ralph Urban nachhaltig für die Verbesserung des Images hellenischer Weine ein. Wine and Nature fordert vor allem kleinere Kellereien, die ebenso ein Selbstverständnis für nachhaltig und / oder biologisch angebaute Weine pflegen. Ralph Urban hält Vortrage und gibt Seminare und veranstaltet kleinere Messen, Verkostungen oder ähnliche Events. Er überrascht immer mehr deutsche Kunden mil hervorragender Qualitat griechischer Weine.

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